"Ein ganz normales Leben führen"

Frankfurter NIA-Coach berichtet über seine Arbeit anhand eines Fallbeispiels.

Yasemin S. (Name geändert) kam nach etwa zweijähriger Haftstrafe im Alter von 22 Jahren als Teilnehmerin in das NIA-Projekt. Sie war hochmotiviert, wollte die alten Geschichten hinter sich lassen und endlich Fuß fassen in der Gesellschaft, arbeiten, ein beständiges Leben führen, eine dauerhafte Beziehung aufbauen und eine Familie gründen. Der NIA-Coach beschreibt sie als sympathisch, mit teilweise naiven Wesenszügen und einer niedrigen Toleranzschwelle für Rückschläge.

Hinter Yasemin liegt eine Geschichte, in der es nur Verlierer gibt. Sie war Mittäterin verschiedener Verbrechen mit einem Partner, der sie ins Drogenmilieu geführt hatte und dann fallen ließ. Heute blickt sie fassungslos auf diese Zeit zurück und schämt sich für das, was sie getan hat. Sie hat dabei viel gelernt über sich und darüber, dass man einiges falsch machen und sich viele Chancen verbauen kann. Ernüchtert beschreibt sie sich selbst als „knastmüde“ und weiß, dass sie durch ihr eigenes Verhalten einige Jahre ihres Lebens verschwendet und anderen Menschen Unrecht angetan hat.

 

Zusammenarbeit zwischen Justizvollzug, Bewährungshilfe und NIA

Die Zusammenarbeit mit NIA wurde durch die Bewährungshilfe in Frankfurt aufgebaut. Am Beginn dieser Kooperation stand ein erstes Treffen im offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt, an dem die Leitung der JVA, der zuständige Sozialdienst, die Bewährungshilfe und der NIA-Coach teilnahmen. In der JVA hatte Yasemin eine Ausbildung als Fachkraft im Gastgewerbe abgeschlossen und wollte gerne nach ihrer Entlassung in diesem Bereich weiterarbeiten. Zu den Bedingungen für ihre vorzeitige Entlassung aus dem Vollzug gehörte, dass Yasemin einen Arbeitsplatz und eine eigene Wohnung haben musste.

Auf dieser Grundlage begann der Coach seine Vorbereitung für das erste Gespräch mit Yasemin. Dieses Treffen fand ebenfalls in der JVA statt. Mit den Worten „Ich komme mit den alten Geschichten nicht mehr klar und muss hier raus“ stellte Yasemin sich dem NIA-Coach vor. Ihre Motivation zur Mitarbeit war hoch. „Sie wollte es einfach schaffen und hat perfekt mitgearbeitet“ beschreibt der NIA-Coach ihre Einstellung zu der Hilfe, die ihr die Bewährungshilfe und das NIA-Projekt anboten.

Gemeinsam wurden die Unterstützungsleistungen besprochen, die Yasemin durch das NIA-Projekt geboten würden. Darüber hinaus wurden das Vorgehen und die Spielregeln der Zusammenarbeit dargelegt. Streitpunkt war an diesem Punkt, dass die Zeit der gemeinsamen Treffen im NIA-Büro in Frankfurt von den Ausgangszeiten des offenen Vollzuges abgezogen würde. Dies führte bei der Teilnehmerin zu einer spürbaren Frustration, weil ihre Zeit draußen stets begrenzt war. Es wurde deutlich, dass sie ernsthaft überlegte die Zusammenarbeit abzubrechen, noch ehe diese richtig begonnen hatte. Glücklicher Weise gelang es dem Coach, Yasemin davon zu überzeugen, dass die Zusammenarbeit eine Hilfeleistung für sie sein würde, um die anstehenden Aufgaben zu meistern und dass dies auch zu einer vorzeitigen Entlassung betragen könnte. Yasemin willigte in die Zusammenarbeit und den grundlegenden Vertrag ein.

 

Einschränkungen in der Freiheit

Gleich zu Anfang stellte es sich als problematisch heraus, dass es der Teilnehmerin untersagt war, bestimmte Orte in Frankfurt zu betreten. Zu diesen Orten gehörten insbesondere auch Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, die auf ihrem Weg zum NIA-Büro lagen. In Zusammenarbeit des Coaches mit der JVA und der Bewährungshilfe, wurde diese Auflage unter der Voraussetzung gelockert, dass immer eine genaue Anwesenheitsmeldung an den Sozialdienst erfolgen musste. Die Fahrtzeiten wurden von der JVA aufgerechnet, so dass eine Überprüfung möglich war. Das war für die Teilnehmerin eine frustrierende Situation, da eine gute, freiwillige Leistung gefühlt unter Generalverdacht gestellt wurde. Für die JVA war die Prozedur zum Nachweis von Yasemins Weg mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden.

Um die Unterstützung für Yasemin voran zu bringen, musste sie an das Hilfesystem angegliedert werden. In diesem Zusammenhang lag bisher lediglich eine Meldung bei der Jugendberufshilfe vor. Hierauf baute der Coach auf. Zunächst holte er Yasemin mit dem Auto ab und begleitete sie zum Team Jugendberufshilfe in Frankfurt. Vor Ort wurde dann die weitere Zusammenarbeit besprochen.

 

Auftakt des Bewerbungsprozesses

Die nächsten Termine fanden im NIA-Büro in Frankfurt statt. Es mussten alle Bewerbungsunterlagen neu erstellt werden. Lebenslauf, Anschreiben und die gesamte Bewerbungsmappe mussten angelegt werden. Darüber hinaus fehlten der Teilnehmerin sämtliche Zeugnisse. Diese holte der Coach bei der zuletzt besuchten Schule ein.

Danach wurde der Arbeitsmarkt sondiert. Dabei war es eine große Herausforderung eine volle Stelle in diesem Bereich zu finden. „Berufstypisch sind die Stellen auf 450 Euro Basis angelegt“, weiß der Coach aus seiner Erfahrung zu berichten. Zum Einstieg sollten Arbeitgeber gefunden werden, die ein Praktikum oder Probearbeiten mit Aussicht auf anschließende Einstellung anboten. Hierfür musste mit der JVA abgeklärt werden, wie die Zeiten bei einer solchen Tätigkeit angerechnet werden können.

Erwartungsgemäß war das Interesse der Bertriebe sehr gering, da die aktuelle Inhaftierung offen gelegt werden musste. „Auch Flexibilität und Erreichbarkeit der Teilnehmerin waren aufgrund der Inhaftierung immer ein Thema.“ Hier waren Vermittlungsarbeit und zahlreiche Gespräche gefordert.

Dennoch konnte der Coach gemeinsam mit Yasemin zwei Probearbeiten mit passenden Unternehmen vereinbaren. Beide Probearbeiten führten jedoch für sie nicht zu einer Anstellung. Rückblickend war dies für den Coach der schwierigste Moment der Zusammenarbeit: „Yasemin zog sich spürbar zurück. Sie fühlte sich von den Arbeitgebern ausgenutzt. Außerdem war die Hürde in Freiheit zu kommen zu hoch geworden, da neben der schwierigen Jobfindung auch noch die Wohnungslosigkeit ungelöst geblieben war.“

Die Wohnungssuche stellte sich in der Zusammenarbeit des Coaches mit Yasemin als großes Problem dar: „Nachdem sie sich von ihrem Wunsch der eigenen Wohnung wegen der hohen Mietpreise in Frankfurt verabschieden musste, konnte sie sich mit der Idee einer betreuten Wohngruppe nur schwer anfreunden. Als dann die angestrebte Wohngruppe nach vorheriger Zusage auch noch kurzfristig abgesagt hatte, ist der Wunsch in ihr gereift, auf Endstrafe zu gehen und später zu ihrer Mutter zu ziehen. Ich habe mich daraufhin mit dem Sozialdienst zusammengesetzt und meine Hilfe in dieser Sache angeboten.“ Yasemin stand zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor der Kapitulation gegenüber ihren scheinbar unlösbaren Aufgaben.

Der Coach konnte diesen Rückzug von Yasemin jedoch abwenden. Um sich weitere Ideen für die Unterstützung seiner Teilnehmerin zu suchen, nahm er den Kontakt zu einer Kollegin aus dem Coachingbereich des NIA-Projektes auf. Sie konnte ihm weitere Unternehmen aus ihren Vermittlungserfahrungen und aus dem aufgebauten Unternehmensnetzwerk im Projektgebiet nennen. Mit dieser Hilfe fand sich dann ein sozial engagiertes Unternehmen, das bereit war Yasemin eine Chance zu geben.

 

Coach und Teilnehmerin im Hürdenlauf

Der Arbeitsaufnahme stand jedoch erneut eine unvorhergesehene Herausforderung entgegen, denn der Arbeitgeber verlangte von der Teilnehmerin, dass sie zunächst ein Praktikum absolvieren solle. Diesen Praktikumsvertrag konnte die Teilnehmerin aber wegen ihrer Inhaftierung nicht selber unterschreiben und der offene Vollzug sah sich zunächst außerstande dies zu tun. Yasemin hatte große Angst, dass nun auch dieser Betrieb abspringen könnte und hatte sich darüber mit dem Sozialdienst der JVA zerstritten. Hier konnte der Coach zunächst vermitteln und schließlich zu einer Lösung beitragen: „Ich habe mich mit dem Arbeitgeber in Verbindung gesetzt und ihm das formale Problem erklärt. Wir haben dann notgedrungen die Probearbeit ein paar Tage aufgeschoben. Anschließend habe ich mich mit der JVA-Leitung in Verbindung gesetzt, worauf wir auch schnell eine Lösung finden konnten.“

 

Und endlich am Ziel

Yasemin begann ihre Probearbeit und erhielt schon nach drei Tagen ihren Arbeitsvertrag. Eine Wohnung wurde auch gefunden. Yasemin verabschiedete sich dafür von ihrem bisherigen Wohnviertel. Bewusst, denn sie will nie wieder zu dem zurück, was hinter ihr liegt. Dazu gehören für sie auch eine neue Umgebung und ein neues soziales Umfeld.

Die Zusammenarbeit mit der Bewährungshilfe und dem Offenen Vollzug war stets gut. „Die Arbeitsteilung hat auf Anhieb gestimmt und die gegenseitige Wertschätzung ist groß“ blickt der Coach zufrieden auf die Kooperation zurück.

Yasemin kommt immer noch zu den Treffen beim NIA-Coach, um sich unterstützen zu lassen. Gelegentlich ruft sie auch an. Manchmal nur, um zu berichten, wie gut alles läuft. „Es ist aber oft nicht leicht für sie. Sie muss sich noch festigen. Manchmal hängt sie einfach durch, wenn sie Rückschläge hinnehmen muss, vor allem, wenn sie Schwierigkeiten in ihrem sozialen Umfeld erlebt oder von Menschen enttäuscht wird. Vor ihr liegt noch ein langer Weg, aber sie hat die wichtigsten Schritte schon getan.“